Schöllkraut

Schöllkraut mit gelb gefärbten Blüten und vier Blütenblättern. Die Blüten sitzen in einer Gruppe zusammen.

Vorkommen und Verbreitung: Das Schöllkraut kommt in fast ganz Europa sowie Teilen von Asien natürlich vor. In Amerika gilt die Pflanze als Neophyt. Es handelt sich um einen Kulturfolger, da die Pflanze zu den stickstoffliebenden Arten gehört und somit vor allem auf stark gedüngten Flächen vorkommt. Zu diesen zählen unter anderem Schutthalden, Wegränder sowie Ruderalflächen. Sie ist zudem in Gebüschen, an Waldrändern sowie auf Mauern zu finden. Nach den Daten in GBIF sind auch einzelne Vorkommen in Neuseeland und Australien sowie Südamerika verzeichnet. 1

Wuchsform: Es handelt sich beim Schöllkraut um eine aufrecht wachsende, krautige Pflanze, die reich verzweigte Stängel ausbildet. Sie ist sommergrünen und kann zwei- oder mehre Jahre bestehen bleiben. Die Wuchshöhe des Schöllkrauts kann bis zu 70 cm reichen. In der Regel ist sie zwischen 30 bis 50 cm hoch. Die Stängel sind mit feinen, weißen Härchen besetzt. In allen Pflanzenteilen bildet sich ein gelblicher Milchsaft aus (vor allem in den Stängeln und Blättern).

Blätter: Die Blätter sitzen wechselständig an den Stängeln der Pflanze. Die einzelnen Blätter haben eine gefiederte Form und sind tief eingeschnitten. Die Ränder sind glatt. Auf der Unterseite sind die Blätter grün-grau gefärbt. Die Oberseite besitzt eine hellgrüne bis dunkelgrüne Farbe. Die Blattteile bestehen aus bis zu 9 Blattlappen und sind auf der Unterseite leicht behaart. Die Blattnerven sind heller.

Blüten: Die Blüten des Schöllkrauts sitzen in doldigen Blütenständen am Ende der Stängel zusammen. Diese sind dicht bis locker aufgebaut. Die einzelnen Blüten haben eine runde Form (radiär) und bestehen aus vier Blütenblättern. Die Blüten sind zwittrig aufgebaut und sitzen am Ende von langen Stängeln. In der Mitte bilden sich eine Vielzahl von gelb gefärbten, länglichen Staubblätter aus. Diese sind rund um eine länglich nach oben stehende Blütennarbe angeordnet. Die grüne Blütennarbe besteht aus einem verdickten Fruchtknoten und einem kurzen Griffel mit einer zweilappigen Narbe. Die Blütezeit der Pflanze reicht von Mai bis in den Oktober (selten können auch schon Blüten im April beobachtet werden). Die Bestäubung erfolgt durch verschiedene Insekten.

Früchte: Die Kapselfrüchte bestehen aus dünnen, länglichen, zweiklappigen Teilen. Die Samenkapseln sind auf der Oberfläche kahl und können eine Länge von bis zu 5 cm erreichen. Samen des Schöllkrauts sind schwarz gefärbt und haben eine Eiform. Die Verbreitung erfolgt durch Ameisen (Myrmekochorie).

Namensherkunft des botanischen Namens: Der botanische Gattungsname „Chelidonium“ ist auf verschiedene Etymologien zurückzuführen. Der botanische Artname „majus“ stammt aus dem lateinischen und lässt sich mit „größer / groß“ ins deutsche übersetzen.

Eine von den meisten altertümlichen Autoren genannte Möglichkeit – die bereits durch Plinius aufgestellt wurde -, dass Schwalben die Pflanze nutzen um die Augen ihrer blinden Küken zu heilen, ist nicht mit Fakten belegbar. Bereits Friederich Kannengiesser riet von den „abenteuerlichen Erklärungsversuchen der Alten“ in seinem Werk „Die etymologie der phanerogamennomenclatur“ 2 ab. Eine der von Dioskurides und Plinius genannten Erklärung sieht er aber dennoch als möglich an: „Chelidonium ist von χελιδών, Schwalbe abzuleiten, da es zur Zeit des Eintreffens der Schwalben blüht und bei deren Abreise verdorrt.“

Im „etymologischen Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen“ von Helmut Genaust werden die folgenden Bemerkungen zum Namen der Pflanze gemacht. Er geht dabei auf die Verbindung von verschiedenen Pflanzenarten (wie das Alpenveilchen, Scharbockskraut sowie eine Feige) zur „Schwalbe“ ein. Betreffend der Ableitung von den botanischen Namen wird das folgende ausgeführt: „[..] So deutlich es ist, daß alle diese Bildungen von gr.[iechisch] chelidon <Schwalbe> abgeleitet sind, so unerfindlich bleiben die Deutungen, die seit der Antike bis zu den modernen Handbüchern damit verbunden wurden und werden […]“.

Unter den Griechen waren Pflanzen unter „chelidónion glaukón bzw. kyáneon“ sowie „chelidónion chlorón“ mit der Schwalbe verbunden. Hierbei handelte es sich im ersten Fall um eine blau bis graublau blühende Pflanze sowie im zweiten Fall eine gelb blühende Pflanze. Es ist an dieser Stelle zu bemerken, dass sowohl das Scharbockskraut als auch das Schöllkraut gemeinsam in den alten Schriften vorkommen als gelbblühende Pflanze! Auch ist eine direkte Verbindung zum heutigen Schöllkraut in Frage zu stellen, da der gelbe Saft des Schöllkrauts erstmalig im frühen 8. Jahrhundert durch Benedictus Crispus erwäht wurde.

Ohne botanische Erklärungskraft im Zusammenhang mit dem griechischen Wort „chelidón“ (Schwalbe) sieht Genaust die antiken Deutungen, dass die Blütezeit der Pflanze mit der Wiederkehr der Schwalben zusammenfalle oder das die Pflanze jungen Schwalben ihre Sehkraft zurückgeben sollte (Plinius) oder dass häufig ihre Blätter in Schwalbennestern gefunden werden.

Helmut Genaust sieht die folgenden plausiblen Erklärungen für den Zusammenhang zwischen Schwalben und der Pflanze:

1. die schotenähnlichen Früchte könnten mit den langen zugespitzten Flügelteilen des Schwalbenschwanzes zusammenhängen (gr. chelidonaceus).

2. als sinnvoller wird der Vergleich der glänzenden schwarzen Samen mit dem weißen Anhängsel und einer sitzenden Mehlschwalbe genannt.

Eine genaue Herkunft aber nicht mehr nachweisbar!

Namensherkunft des deutschen Namens: Für den Namen „Schöllkraut“ gibt es auch verschiedene Herleitungen.

Nach Friederich Kannengiesser stammen die Namen „Schöllkraut / Schellkraut“ entweder als Vererbung aus dem offiziellen Namen [hier ist der botanische Name gemeint] oder von den Worten „sceljan“ (abschälen), „scelah“ (schielend), weil das Kraut als Mittel gegen Hornhauttrübungen verwendet wurde. [Anmerkung von BlumenNatur: die Theorie mit den Augen ist auch in „Die deutschen Volksnamen der Pflanzen 3“ von Pritzel, Georg August im Jahr 1882 veröffentlicht worden].

Nach Friedrich Kluge soll der Name „Schellkraut“ aus dem mittelhochdeutschen Wort „schelkrut / -wurz“ entstanden sein. Es wird hierbei von einer Verkürzung und Umdeutung aus dem gleichdeutenden lateinischen Wort „chelidonia“ ausgegangen. 4 Nach dem althochdeutschen Wörterbuch von Univ.-Prof. Dr. Gerhard Köbler wird darin das Wort „skelliwurz“ als Vorgänger des „neudeutschen“ Wortes „Schöllkraut“ angesehen. Eine genaue Erklärung kann aber auch hier nicht geliefert werden – als Angabe wird zudem mglw. eine Fehlübersetzung verwendet.5

Genaust hat einen differenzierteren Ansatz als Kluge. Belege bei Hildegard von Bingen zeigen das die „Chelidonia“ aber auch „Scabiosa“ genannte Sippe vor allem als Heilmittel gegen Hautausschläge eingesetzt wurde. So stimmt der mittelhochdeutsche Name „grintwurtz“ – welcher dem modernen Namen „Grindkraut“ bei Skabiosen entspricht – sondern auch die mittelhochdeutschen Bezeichnungen „scel-, scella-, scelli(n)-wurz“. Als unproblematisch wird auch die Verbindung zum althochdeutschen „scala“ (Hülse, Schale) und den ähnlichen Abwandlungen angesehen. So könnte ernsthaft mit „chelidónion“ die Gattung der Skabiosen in den antiken Texten gemeint sein. Dies würde die Unterscheidung zwischen der blaublühenden Art und der grün/gelb blühenden Art erklären aber nicht den Bezug zur Schwalbe.

Volkstümliche Namen 3: Die Pflanze ist unter verschiedenen volkstümlichen Namen bekannt. Zu diesem zählen unter anderem:

  • Blutkraut, aus der volkstümlichen Verwendung der Pflanze entstammend.
  • Goldwurz; dieser Name rührt daher, dass Alchemisten aufgrund der goldgelben Blütenfarbe und dem gelben Pflanzensaft Gold extrahieren wollten. Ähnlich hierzu ist auch der Name „Goldkraut“. Auch der lateinische Name „coelii donum“ (zu deutsch „Himmelsgabe“) soll sich aus dieser Praktik entwickelt haben – Abweichend hierzu Kannengiesser 2: „Von den Alchemisten wurde Ch[elidonium] zu Coeli donum, Himmelsgabe, assimiliert, weil nach ihrer Meinung dem gelben Saft der Pflanze allerhand wichtige Naturkräfte innewohnten.“
  • Warzenkraut; eine Erklärung ist die Verwendung des Pflanzensaftes zur äußerlichen Behandlung von Warzen.
  • Hexenmilch

Hinweise zum Umgang mit der Pflanze: Der Milchsaft von Schöllkraut führt bei Berührung mit der Haut zu Hautentzündungen und Geschwüren. Es sollte somit bei der Handhabung mit der Pflanze unbedingt auf Schutzkleidung (Handschuhe) geachtet werden und ein Kontakt mit dem Pflanzensaft vermieden werden.

Giftigkeit der Pflanze: Beim Schöllkraut handelt es sich um eine stark giftige Pflanze. Es ist daher sehr davon abzuraten die Pflanze innerlich anzuwenden! Bei der äußerlichen Anwendung ist zu beachten, dass sie nicht in offenen Wunden kommt, da so auch die Giftstoffe in den Körper gelangen könnten.

Der gelb gefärbte Milchsaft hat einen bitteren Geschmack. Hierdurch wird die Pflanze von den meisten Tieren im frischen Zustand gemieden. Vergiftungsfälle sind bei Tieren nur selten aufgetreten. Es kann bei Vorliegen einer Vergiftung bei Tieren kann nur eine symptomatische Therapie erfolgen. Bei Menschen sollte die Gabe von Aktivkohle zur Bindung der Giftstoffe nur durch Fachpersonal erfolgen.

Inhaltstoffe: Im Milchsaft sind vor allem Isoquinolin-Alkaloide wie u.a. „Chelidonin, Berberin und Coptisin“ enthalten. Diese bilden die Hauptalkaloide in den oberirdischen Teilen der Pflanze. Zudem kommen in der Wurzel noch „Chelerythrin und Sanguinarin“ vor. Des Weiteren bildet die Pflanze noch „Flavonoide, Phenolsäuren, Protopin und Spartein“ aus. Die Trocknung des Pflanzenmaterials reduziert den Gehalt der Giftstoffe in der Pflanze. Sie wird hierdurch weniger toxisch ist aber dennoch nicht für die Ernährung von Tieren geeignet.

Wirkung der Giftstoffe: Durch die in der Pflanze enthaltenen Alkaloide kommt es zu einer partiellen Sedierung, Schmerzunempfindlichkeit (leichte Analgesie – weniger stark als im Fall von Opioiden) sowie einer Erschlaffung der glatten Muskulatur von Darm, Bronchien sowie Herzkranzgefäßen und Gallengängen (muskulotroper Effekt). Es kommt zudem durch die Alkaloide zu einer Anregung des Herzens (erhöhte Herztätigkeit) und Steigerung des Blutdrucks. Das enthaltene Chelerythrin führt bei größeren Mengen zu einem blutigen Stuhlgang.

Als weitere Wirkung kommt es zu einer Senkung des Blutzuckerspiegels. Vor allem im Mund und Rachenraum kommt es zu einer Schleimhautreizung. Diese äußert sich durch ein Brennen in diesen Bereichen. Eine Zytotoxizität ist aufgrund der Zelltoxizität gegeben – hierdurch kann lebendes Gewebe zerstört oder geschädigt werden. Dies geschieht dadurch, dass es sich beim Chelidonin um einen schwachen Mitosehemmer handelt – es wird hierbei die Zellteilung gehemmt und somit verhindert. Die letzten auftretenden Symptome sind Pulsverlangsamung, Blutdruckabfall und zuletzt Tod durch Kreislaufkollaps.

Mögliche Toxizität für die Leber: Eine mögliche Toxizität für die Leber bei einer längeren Anwendung zu einer höheren Dosis ist noch nicht vollständig bestätigt, wird aber aufgrund von Versuchsreihen als möglicherweise gegeben angesehen 8 9. Es wurde die These aufgestellt, dass die Schädlichkeit der Giftstoffe auf eine pharmakologische Wechselwirkung zurückzuführen sein könnte. Schwere Reaktionen wurden im Zusammenhang mit der gleichzeitigen Einnahme von Schöllkraut und Hormonen (Östrogene, Schilddrüsenhormone) oder nichtsteroidalen entzündungshemmenden Medikamenten (NSAIDs) beobachtet werden 10 11 12 13 14.

In der Literatur sind verschiedene Angaben für Tiere vorhanden:

1. Schöllkraut frisch

Hund (p.o.):60-120 g Saft der Blätter.
Rinder und Pferde:nach Gaben bis zu 500 g Schöllkraut/Tag nur Polyurie.

2. Chelidonin

ChLD50 s.c. Meerschweinchen2 g/kg

3. Sanguarinin

LD50 i.v. Maus19,4 mg/kg
LD50 s.c.102 mg/kg

4. Chelerythrin

LD50 s.c. Maus95 mg/kg
Gefährdung der Pflanze

Gefährdung der Pflanze: Auf der Roten Liste von Deutschland ist das Schöllkraut als ungefährdet eingestuft. Die einzelnen Gefährdungsgrade in den Bundesländern sind wie folgt:

  • Deutschland: ungefährdet (Status: *)
  • Baden-Württemberg: ungefährdet (Status: *)
  • Bayern: ungefährdet (Status: *)
  • Bremen: ungefährdet (Status: *)
  • Brandenburg: ungefährdet (Status: *)
  • Berlin: ungefährdet (Status: *)
  • Hamburg: ungefährdet (Status: *)
  • Hessen: ungefährdet (Status: *)
  • Mecklenburg-Vorpommern: ungefährdet (Status: *)
  • Niedersachsen: ungefährdet (Status: *)
  • Nordrhein-Westfalen: ungefährdet (Status: *)
  • Rheinland-Pfalz: ungefährdet (Status: *)
  • Saarland: ungefährdet (Status: *)
  • Sachsen-Anhalt: ungefährdet (Status: *)
  • Sachsen: ungefährdet (Status: *)
  • Schleswig-Holstein: ungefährdet (Status: *)
  • Thüringen: ungefährdet (Status: *)

Verbreitungs-Codes: A, AV, M1, M2, F, K


  1. GBIF – Verbreitung der Pflanze sowie anerkannte Namen, abgerufen am 10.05.2024 ↩︎
  2. Die etymologie der phanerogamennomenclatur, Kanngiesser, Friederich, 1908 ↩︎
  3. Die deutschen Volksnamen der Pflanzen: neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze, Pritzel, Georg August, 1882 ↩︎
  4. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Friedrich Kluge, 1894, Seite 320 ↩︎
  5. Althochdeutsches Wörterbuch, Univ.-Prof. Dr. Gerhard Köbler ↩︎
  6. Die deutschen Volksnamen der Pflanzen: neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze, Pritzel, Georg August, 1882 ↩︎
  7. Die etymologie der phanerogamennomenclatur, Kanngiesser, Friederich, 1908 ↩︎
  8. Hepatotoxicity induced by greater celandine (Chelidonium majus L.): a review of the literature, abgerufen am 31.05.2024 ↩︎
  9. Chelidonium majus L. does not potentiate the hepatic effect of acetaminophen. Exp Toxicol Pathol 2013; 65: 1117-1120 ↩︎
  10. Hepatitis from Greater celandine (Chelidonium majus L.): review of literature and report of a new case. J Ethnopharmacol 2009; 124: 328-332. ↩︎
  11. Greater Celandine hepatotoxicity: liver-specific causality evaluation of published case reports from Europe. Eur J Gastroenterol Hepatol 2012; 24: 270-280. ↩︎
  12. Drug interactions between herbal and prescription medicines. Drug Saf 2003; 26: 1075-1092. ↩︎
  13. Absence of ‘over-the-counter’ medicinal products in on-line prescription records: a risk factor of overlooking interactions in the elderly. Pharmacoepidemiol Drug Saf 2013; 22: 145-150. ↩︎
  14. Acute hepatitis induced by greater celandine (Chelidonium majus). Gastroenterology 1999; 117: 1234-1237. ↩︎

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